Ist Aerogel gesundheitsschädlich?

January 8, 2026
3 Min Lesezeit
VOLTH Materials Team

Ist Aerogel gesundheitsschädlich?

Silica-Aerogel gilt in üblichen Dämmanwendungen nicht als generell gesundheitsschädlich, kann aber bei der Verarbeitung als Staub Augen, Haut und Atemwege mechanisch reizen. Entscheidend sind der Unterschied zwischen Rohmaterial, Verarbeitungssituation und eingebautem Endprodukt – sowie eine fachgerechte Arbeitshygiene.

Was ist Aerogel technisch gesehen?

Silica-Aerogel ist ein hochporöser Feststoff aus amorphem Siliciumdioxid mit über 90% Luftanteil in einer nanostrukturierten Porenstruktur. Die Wärmeleitfähigkeit liegt je nach System im Bereich von etwa 0,013–0,020 W/(m·K) und ermöglicht extrem dünne, nicht brennbare Hochleistungsdämmungen.

In technischen Dämmstoffen kommt Aerogel meist in zwei Formen vor:

  • Aerogel-Matten (Blankets): Aerogel in eine Glasfaser- oder andere Faserträgermatte eingebettet.
  • Aerogel-Granulat bzw. -Pulver: lose Partikel zur Füllung von Hohlräumen oder als Zuschlagstoff.

Diese Produkte werden rechtlich in der Regel als „Artikel“ aus amorpher Silica ohne besonders besorgniserregende Stoffe eingestuft, nicht als Gefahrstoff im Sinne von REACH.

Gesundheitsaspekte von Aerogel: Wo entstehen Risiken?

Staub und Inhalation

Die zentrale Frage „Aerogel gesundheitsschädlich“ dreht sich praktisch immer um Staub bei der Verarbeitung. Silica-Aerogel in Dämmprodukten ist amorphe Silica und darf nicht mit kristallinem Quarzstaub (Silicose-Risiko) gleichgesetzt werden.

Typische Effekte von Aerogel-Staub laut Sicherheitsdatenblättern und Arbeitsschutzuntersuchungen:

  • Reizung der oberen Atemwege, „Kratzen“ im Hals, Hustenreiz.
  • Vorübergehende Augenreizung durch Partikelkontakt.
  • Trockene, rissige oder juckende Haut bei längerem ungeschütztem Kontakt.

Langfristige oder spezifisch toxische Effekte (z.B. Krebs, Silicose) sind für amorphe Silica-Aerogele bei normaler beruflicher Exposition nach aktuellem Kenntnisstand nicht belegt; das Material wird nicht als karzinogen eingestuft. Gleichwohl gelten die üblichen Staubgrenzwerte für „Partikel, ansonsten nicht klassifiziert“ (z.B. 5 mg/m³ respirabler Staub, 15 mg/m³ Gesamtstaub nach OSHA bzw. entsprechende EU/Vorgaben).

Hautkontakt und Augen

Aerogel-Dämmstoffe wirken primär als physikalischer Reiz:

  • Haut: Trocknung und Irritation, teils ähnlich wie bei Mineralwollefasern.
  • Augen: mechanische Reizung durch Partikel, Fremdkörpergefühl, Rötung.

Empfohlen werden einfache Schutzmaßnahmen:

  • Handschuhe und langärmlige Kleidung, um Hautaustrocknung und Kratzen zu vermeiden.
  • Schutzbrille bei Schneiden, Bohren oder intensiver Staubentwicklung.

Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt

Verschlucken kleiner Mengen von Staub gilt in Sicherheitsdatenblättern typischerweise als geringes Risiko und führt höchstens zu kurzzeitigen Reizungen; vorsorglich wird Mundspülung und ggf. ärztliche Abklärung empfohlen. Regelmäßige orale Aufnahme ist selbstverständlich zu vermeiden.

Unterschied: Rohmaterial, Verarbeitung, Endprodukt

Rohmaterial (Pulver, Granulat, Rohmatten)

Rohes Aerogelpulver oder -granulat erzeugt bei Schütten, Einblasen oder Mischen besonders feinen Staub. Auch unkaschierte Aerogel-Matten können beim Zuschneiden oder Reißen Partikel freisetzen.

Für diese Phase gelten erhöhte Anforderungen:

  • Punktabsaugung oder gute Raumlüftung, um Staubkonzentration niedrig zu halten.
  • FFP2/FFP3-Maske oder gleichwertiger Atemschutz bei staubintensiven Tätigkeiten.
  • Möglichst trockene Reinigung per Industriesauger mit HEPA-Filter statt Kehren oder Wasser.

Verarbeitung und Einbau

Während Montage und Anpassung von Aerogel-Matten entstehen vor allem:

  • Faser-/Aerogelpartikel beim Schneiden, Stanzen, Bohren oder Schleifen.
  • Staub beim Zurückschneiden von Überständen oder Ablösen alter Dämmung.

Praktikable Maßnahmen im industriellen Umfeld:

  • Schneidarbeiten möglichst stationär mit Absaugung durchführen.
  • Staubquellen lokalisieren und lokal absaugen statt nur Allgemeinlüftung zu erhöhen.
  • Arbeitskleidung nach staubigen Tätigkeiten wechseln oder reinigen, um Sekundärstaub zu vermeiden.

Eingebautes Endprodukt

Im eingebauten Zustand – z.B. Aerogel-Matten unter Blechummantelung, in Isolierkissen oder als gefüllte Hohlräume – ist die Staubfreisetzung stark reduziert bis praktisch vernachlässigbar. Aerogelprodukte gelten dann als stabile, nicht reaktive und nicht brennbare Bauteile ohne relevante Emissionen in den Arbeits- oder Aufenthaltsbereich.

Relevant bleibt das Thema vor allem:

  • Bei späterem Rückbau oder Revision (Öffnen von Blech, Entfernen alter Matten).
  • Bei beschädigten Ummantelungen in vibrierenden Anlagen, wo Dämmung „ausstäuben“ kann.

Hier ähneln die Schutzmaßnahmen denen beim Erstmontage-Handling.

Aerogel vs. klassische Dämmstoffe aus Gesundheitssicht

Überblick der wichtigsten Dämmstofftypen

  • Grundmaterial: Aerogel aus amorpher Silica + Faserträger; Mineralwolle aus mineralischen Fasern und Bindemitteln; PUR/PIR aus organischen Polymeren; EPS/XPS aus Polystyrol.
  • Brennbarkeit: Aerogel nicht brennbar (Klasse A2 möglich); Mineralwolle nicht brennbar bis schwer entflammbar; PUR/PIR brennbar (ggf. B1); EPS/XPS brennbar mit Flammschutz.
  • Staub/Partikel bei Verarbeitung: Aerogel verursacht feine Partikel mit Reizung; Mineralwolle Faserstaub und Juckreiz; PUR/PIR Späne und Isocyanat-Reste; EPS/XPS Schneidstaub mit Brandrisiko.
  • Einstufung Langzeitrisiken: Aerogel keine Karzinogenität (amorphe Silica); Mineralwolle biolöslich, reduziertes Risiko; PUR/PIR isocyanatfrei im Endprodukt; EPS/XPS Rauchtoxizität bei Brand.
  • Umgangsempfehlung: Aerogel Standard-Staubschutz; Mineralwolle Faser-/Staubschutz; PUR/PIR Staub- und Kleber-Schutz; EPS/XPS Staubschutz und Brandschutz.

Aus Sicht der Exposition am Arbeitsplatz ist Aerogel im Wesentlichen mit anderen mineralischen Dämmstoffen vergleichbar: mechanische Reizung durch Staub, aber keine speziellen toxikologischen Eigenschaften. Bei der Brand- und Rauchentwicklung ist Aerogel gegenüber vielen organischen Schäumen im Vorteil, da es nicht brennt und keine brennbaren Gase freisetzt.

Spezifische Vorteile und Grenzen

Gesundheitlich relevante Punkte, die Fachplaner berücksichtigen können:

  • Aerogel erzeugt bei fachgerechter Ummantelung sehr geringe Emissionen im Nutzungszustand, ähnlich oder besser als hochwertige Mineralwolle-Systeme.
  • Wegen der dünnen Aufbauten können Bauteile leichter vollflächig gekapselt werden, was Staubfreisetzung zusätzlich reduziert.

Dem gegenüber stehen:

  • Höhere Materialkosten, die aber aus Sicht der Arbeitssicherheit neutral sind.
  • Eine gewisse „Unbekanntheit“ im Markt, die häufig zu übervorsichtiger Bewertung führt, obwohl Datenlage und Einstufungen vergleichsweise unkritisch sind.

Praktische Empfehlungen für Planung und Arbeitsschutz

Für Ingenieure, Einkäufer und HSE-Verantwortliche lässt sich folgendes Vorgehen ableiten:

  • Produktebene: Sicherheitsdatenblätter/Article Information Sheets des konkreten Aerogel-Systems prüfen (Matte vs. Granulat, Faserträger, Beschichtungen).
  • Prozesssicht: Staubintensive Arbeitsschritte identifizieren (Zuschneiden, Granulat einblasen, Rückbau) und mit lokaler Absaugung, PSA und angepasster Arbeitsorganisation absichern.

Technische Maßnahmen sollten insbesondere umfassen:

  • Staubarme Verarbeitung (scharfe Messer statt aggressive Schleifer, Kapselung, staubdichte Säcke für Abfälle).
  • HEPA-Industriesauger für Reinigung und kein Trockenkehren.

Für die Produktauswahl können Aerogel Matten bei begrenztem Bauraum und hohen Temperaturanforderungen sinnvoll sein, während Aerogel Granulat vor allem zur fugenlosen Füllung komplexer Hohlräume in Maschinen, Containern oder Sonderbauteilen geeignet ist.

FAQ: Ist Aerogel gesundheitsschädlich?

Ist Silica-Aerogel krebserregend oder toxisch?

Silica-Aerogel in Dämmstoffen besteht aus amorpher Silica und ist nicht als krebserregend eingestuft; es enthält keine kristalline Silica wie Quarzstaub. Die Haupteffekte sind mechanische Reizungen von Haut, Augen und Atemwegen bei Staubexposition.

Wie gefährlich ist Aerogel-Staub bei der Verarbeitung?

Aerogel-Staub kann kurzfristig zu Husten, Kratzen im Hals, trockener Haut und Augenreizung führen, insbesondere bei intensiven Schneid- oder Einblasearbeiten. Mit lokaler Absaugung, Atemschutzmaske, Brille und Handschuhen lässt sich diese Exposition technisch gut kontrollieren.

Gibt es Unterschiede zwischen Aerogel-Matten und Aerogel-Granulat?

Aerogel-Matten sind faserverstärkte Bahnen, bei denen Aerogel in eine Trägerstruktur eingebettet ist; Staub entsteht vor allem an Schnittkanten und bei mechanischer Bearbeitung. Aerogel-Granulat ist ein lose vorliegendes Partikelmaterial, das beim Schütten oder Einblasen deutlich mehr Feinstaub generieren kann und daher konsequenten Staubschutz erfordert.

Ist eingebautes Aerogel gesundheitlich unkritisch?

Im eingebauten Zustand – typischerweise hinter Blech, in Isolierkissen oder in geschlossenen Hohlräumen – gilt Aerogel als stabiler, emissionsarmer Dämmstoff ohne relevante Freisetzung von Fasern oder Gasen. Kritische Situationen entstehen primär bei Montage, Reparatur oder Rückbau, wenn die Dämmung wieder geöffnet oder entfernt wird.

Wie schneidet Aerogel gegenüber Mineralwolle gesundheitlich ab?

Beide Systeme verursachen bei der Verarbeitung Staub und können mechanische Reizungen hervorrufen; entsprechende PSA ist in beiden Fällen sinnvoll. Aerogel bietet zusätzlich Vorteile bei Nichtbrennbarkeit und geringerer Schichtdicke, was eine vollständige Kapselung und damit eine nochmals reduzierte Staubfreisetzung im Betrieb erleichtern kann.

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